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200 Days down

Julias Austauschjahr in Kelowna, British Columbia

Erlebnisse

200 Tage weg. 100 Tage noch übrig. Oder 90 Tage bis zum Schulende hier in Kelowna, wie mich der Zähler auf meinem Blog informiert. Kaum zu glauben, dass ich schon zwei Drittel hinter mir hab. War es nicht erst gestern, dass meine beste Freundin hier nach fünf Monaten wieder heimgeflogen ist? War es nicht erst letzte Woche, dass ich Gastfamilie gewechselt habe? Hab ich nicht gerade eben noch auf den Abflug hingefiebert? Das letzte Jahr ist so unglaublich schnell an mir vorbeigerast, gefüllt mit wunderbaren Momenten und auf einmal waren es nur noch 79 Tage und ich hatte meine Gastfamilie (Gasteltern und Hund, keine Kinder), und einen Wimpernschlag später war es auch schon Zeit für den Flug.

Kurz vor dem Abflug lagen meine Nerven blank – ich hatte zwar mit meiner Gastmutter Emails ausgetauscht, aber ich wusste nicht, was ich erwarten sollte – aber glücklicherweise trat das in den Hintergrund, als ich in München in den Flieger stieg und war ganz vergessen, sobald ich in London, Heathrow, Dorothea sah. Dorothea, die ebenfalls nach Kelowna, BC, flog, wurde zu einer meiner besten Freunde – auf jeden Fall zu meiner besten Freundin hier. Es gibt einfach Dinge in einem Austauschjahr, die man als Außenstehender nur sehr, sehr schwer verstehen kann. Meine Gasteltern holten mich vom Flughafen ab, und ich wurde vom Jetlag zum größten Teil, bis auf ein wenig Müdigkeit, verschont.

Die ersten Wochen waren unglaublich genial. Schule war gut – meine Fächer (Beginners’ Spanisch, Beginner’s Japanese, Biology 12, English 11) waren nicht zu schwer und die Lehrer waren ausnahmslos nett und hilfsbereit –, die Leute waren nett (wenn man sich von den anderen deutschen Austauschschülern entfernt und mit den einheimischen Schülern redet, findet man ganz schnell Leute, mit denen man gut klar kommt) und ich unternahm an den Wochenende Ausflüge mit meinen Gasteltern. Ich hätte niemals gedacht, dass ich Gastfamilie wechseln würde, aber über die Zeit veränderte sich die Stimmung im Haus; vor allem die Chemie zwischen meiner Gastmutter und mir stimme nicht und nach zwei Monaten musste ich sagen „Das wird nix“. Mein Gastvater redete mit meiner Gastmutter über ihr Verhalten mir gegenüber, wegen dem ich mich sehr unwohl gefühlt hatte, aber das verschlimmerte die Situation nur und am Montag, den 28. Oktober, erzählte ich meiner Betreuerin vor Ort meine Probleme. Zwei Tage später bestätigte ich, dass ich gerne die Familie wechseln würde, und bereits am nächsten Tag hatten sie eine neue Gastfamilie für mich, zu der ich sechs Tage später zog.

Der Wechsel war das Beste, was mir passieren konnte. Auf einmal war ich nicht mehr nur einsam in meinem Zimmer, sondern in einer Familie mit jüngeren Eltern und zwei kleinen Schwestern, Stephanie (Bob), acht Jahre alt und Jenna, elf Jahre alt. Ich wurde vom ersten Tag an in die Familie eingebunden und fühlte mich innerhalb kürzester Zeit mehr „Zuhause“ als in den ganzen zwei Monaten in meiner alten Familie. Ich muss sagen, dass ich positiv überrascht war. Ich habe viele Schauergeschichten über die Familienwechsel gehört, aber bei mir lief das alles sehr glatt und schnell. Vielleicht hatte aber auch die Tatsache, dass ich KulturLife gleich von Anfang an mit eingeschalten hatte, etwas mit ihrer Schnelligkeit und Bereitwilligkeit, mir zu helfen, zu tun gehabt. Schüler anderer Organisationen hatten deutlich mehr Schwierigkeiten, was ich so mitbekommen habe. IE hat auch sehr viel mit uns allen unternommen. Wir hatten ein Welcome BBQ, sind gemeinsam zum Curling, einem typischen kanadischen Sport, gegangen und haben im November dann ein Hockeyspiel der Kelowna Rockets, unserem Heimteam, besucht.

Ich wusste nichts über Hockey vor dem Spiel, aber ich habe mich sofort in den Sport verliebt. Die Geschwindigkeit, Brutalität und Mühelosigkeit des Spiels zogen mich in den Bann und haben mich bis jetzt nicht losgelassen. Unser Heimteam gewann 5-1 und sobald ich daheim war, versuchte ich so schnell wie möglich so viel wie möglich über den Sport und die Regeln herauszufinden. Einen Ratschlag, den ich immer wieder las, war „Schau dir so viele Spiele wie möglich an“, was sich leider als schwieriger gestaltete, als man es in Kanada, Hockeynation, erwarten würde: Die National Hockey League, vergleichbar mit der Bundesliga, befand sich in einem Tarifstreit, weswegen die Hälfte der Saison gecancelt wurde, bevor sich die Spieler und Teambesitzer im Januar endlich einigen konnten.

Während ich mich in Hockey einarbeitete, schlich sich Weihnachten still und heimlich an. Ich fühlte mich gar nicht in Weihnachtsstimmung, obwohl meine Gasteltern mir einen Nikolausstiefel zusammengestellt hatten (Nikolaus wird hier nicht gefeiert). Doch bevor Weihnachten kommen konnte, stand erst noch ein Trip nach Vancouver mit IE an. Die vier Tage waren unglaublich eventvoll, schlaflos und toll. Wir gingen sehr oft shoppen und besuchten zum Beispiel die Capilano Suspension Bridge, den Olympischen Kessel und Canada Place, wo die Olympischen Spiele 2010 stattfanden, und die „Telus World Of Science“, einem Wissenschaftsmuseum. Und wir sind zum Schneeschuhlaufen am Grouse Mountain gegangen, was eine neue und sehr schöne Erfahrung war, sowie zum Eislaufen. Da ich vier Schultage und damit vier Stunden zu je 78 Minuten in allen vier Fächern verpasst hatte, musste ich die nächsten Tests nicht mitschreiben – meinen Biotest hab ich erst im Januar nachgeschrieben! Und dann – bam! – war Weihnachten auch schon da und damit mehr als ein Drittel meines Austauschs auch schon rum (die hundert-Tage-Marke hatten wir am 10. Dezember schon geknackt). Auch wenn ich mich gar nicht weihnachtlich gefühlt hatte, der geschmückte Baum (leider nur Plastik), die Geschenke und Christmette haben sich drum gekümmert. Am Morgen vom 24., also dem Weihnachtsabend, durften wir alle ein Geschenk aufmachen und ich half meiner Gastmutter dann den Salat für das Turkey Dinner bei den Eltern meines Gastvaters vorzubereiten. Das Turkey Dinner gehört ohne Zweifel zu den besten Gerichten, die ich je gegessen habe – ich habe auf jeden Fall eindeutig zu viel gegessen! Danach sind wir in die Kirche gegangen, wo mein „Christmas Spirit“ dann auch endlich aufgetaucht ist. Auch wenn es ein bisschen komisch war, die ganzen traditionellen Weihnachtslieder auf Englisch zu hören, sind meine Augen nicht ganz trocken geblieben.Sobald wir daheim waren, haben wir noch Bilder vor dem Baum gemacht, bevor Bob und Jenna Karotten, Cookies und ein Glas Milch für Santa und seine Rentiere neben den Baum gestellt haben und dann sind wir auch schon alle ins Bett.Am 25. wurde ich später aufgeweckt, als ich es erwartet hatte – meine Gastschwestern hielten es bis um 7.20 aus, bevor sie mich aufwecken kamen. Ich war zum Glück schon wach und angezogen, und gemeinsam sind wir ins Wohnzimmer gestürmt, wo unsere typisch amerikanischen Stockings schon auf uns gewartet haben.Das Auspacken der Geschenke hat super viel Spaß gemacht. Es war das erste Mal, dass ich mit Geschwistern das gemacht habe und irgendwie waren die Schokolade und die Geschenke doppelt oder drei Mal so toll wie in den vergangenen Jahren.Das Highlight der Geschenke war aber dennoch Tickets zu zwei Kelowna Rockets Spielen.Am Abend sind wir dann zu den Eltern meiner Gastmutter gefahren, bei denen es noch mal Turkey Dinner gab, und die uns allen Geschenke gegeben haben. Ich habe die Olympia Fäustlinge bekommen (die ganze Olympia-Reihe ist hier ziemlich beliebt) und Lindor, während die Mädchen Lego Harry Potter zum Zusammenbauen von Santa bekamen (ich durfte ihnen helfen).

Nach Weihnachten ging es dann in der Schule auf den Jahresendspurt zu und ich besuchte mein zweites Rockets Spiel (und fand es genauso toll wie das Erste).Ich fand die Final Exams nicht schlecht. Es war mal was anderes und für mich zählt das Jahr sowieso nicht, aber dank der Multiple Choice Fragen war es sehr, sehr einfach. Ich war Klassenbeste in drei meiner vier Fächer, ohne wirklich etwas zu lernen. Während der Final Exams und den anschließenden Provincial Exams, bei denen ich nicht mitschreiben (abgesehen davon, dass ich eh kein Fach hatte, wo ich eines hätte schreiben müssen) und von daher auch nicht zur Schule musste, war meine Gastfamilie in Mexico. Der Urlaub war schon gebucht gewesen, als ich ankam und wäre auch zu teuer gewesen; also blieb ich bei den Eltern meiner Gastmutter.Das zweite Semester brachte Kursänderungen mit sich, da alle meine regulären Fächer nur ein Semester lang gingen. Das einzige Fach, das das ganze Jahr über läuft, ist Journalism, für das wir uns einmal die Woche nachmittags treffen. Die meiste Arbeit wir da in der Freizeit getan.Im Zuge meines Entrepreneurship 12 Kurses, eine Art Businesskurs, darf ich Anfang April nach San Francisco, was wohl das Highlight des zweiten Semesters ist.Aber ich habe vor mein letztes Drittel noch in vollen Zügen zu genießen – in 88 Tagen kommen meine Eltern und dann geht der Ernst des Lebens wieder los.

Schule

Meine Schule ist die Kelowna Secondary School in Kelowna, British Columbia. Da hier alles in Schuldistrikte aufgeteilt ist, bin ich im School District 23, und ich kann den echt nur weiterempfehlen.Aber die Schule ist eindeutig anders hier als in Deutschland.Wie ich oben schon angemerkt habe sind die Lehrer und auch der Rest des Personals unglaublich hilfreich und besorgt und ich habe bei fast jedem Lehrer das Gefühl ich könnte jederzeit zu ihm oder ihr hingehen, wenn ich Probleme habe. Okay, ich habe nicht nur das Gefühl, ich weiß es. Mein Englisch- und nun Creative Writinglehrer hat mir über die letzten sieben Monate mehr als einmal geholfen; von Fragen zur Kultur über Stress-bezogene Probleme bis hin zu philosophischen Fragen.

Die Kurse sind deutlich leichter als die deutschen.Vielleicht lag es an meinen vier Jahren Lateinunterricht, aber ich musste fast nichts für Spanisch tun und hatte dennoch am Ende des Jahres 101.5%.Ich bin auch genauso mühelos in Bio 12 mitgekommen und war sogar Klassenbeste und zweit beste in allen drei Klassen, die er in Bio 12 letztes Semester hatte.Dieses Semester sind die Kurse deutlich leichter; in Entrepreneurship nehmen wir an einem Wettbewerb teil und während es kurze, arbeitsintensive Phasen gibt ist der Großteil des Kurses eher eine Freistunde, in der jeder auf Facebook rumhängt; Pre-Calculus Math 12 ist zwar ein zwölftklass Kurs, aber wir haben Teile aus dem Lehrplan schon in der achten Klasse durchgenommen (das einzige was an Mathe stört sind die zwei Stunden Hausaufgaben, die wir jeden Tag haben; für das letzte Kapitel habe ich den letzten Teil der Hausaufgaben ausgelassen und habe über fünf Unterrichtstage knappe 20 Seiten in kleiner Handschrift beschrieben) und in Creative Writing tu ich eh nur das, was ich sowieso schon jeden Tag mache: Schreiben.

Der Umgang mit den Lehrer ist auch sehr viel lockerer als in Deutschland; meinen Mathelehrer reden manche einfach nur mit „Hey, Murphy!“ an und Frontalunterricht findet auch kaum statt.Der meiste Unterricht findet in Partner- oder Gruppenarbeiten statt und die Lehrer nehmen sich sehr viel Zeit mit den einzelnen Schülern zu sprechen und auf die Bedürfnisse einzugehen, was sehr gut gelingt und für eine tolle Arbeitsatmosphäre sorgt.

Kultur

Die Kultur ist gar nicht so anders als in Deutschland; das einzige, was mich ein wenig aus der Bahn geworfen hat ist wie die Kinder hier mit ihren Eltern umgehen. Mir kommt das relativ respektlos vor, aber meine Klassenkameraden waren immer nett zu mir, also funktioniert diese Erziehungsmethode offensichtlich irgendwie.

Heimweh

Zu meiner eignen, sehr großen Überraschung hatte ich in den ersten Monaten gar kein Heimweh. Erst jetzt, nach fast sieben Monaten, fange ich an, mich nach Zuhause zu sehnen, wobei das vermutlich daran liegt, dass ich zu viel Kontakt mit Deutschland habe. Leider lässt sich das mit der Wahl der Fächer für die Oberstufe nicht vermeiden, aber ich habe große Hoffnungen, dass sich das wieder legt.

Fazit

Bis jetzt ist das Austauschjahr das Beste, was ich je hätte tun können. Ich bin persönlich und geistig sehr gewachsen; ich habe gelernt, mit Stress besser umzugehen, für mich selbst einzustehen, mich nicht verbiegen zu lassen. Ich habe gelernt, dass ich viel zu viele Vorurteile und Stereotype habe und ich habe gelernt, diese „zu vergessen“.

Und ich habe gelernt, meine Wäsche zu waschen, mein Bett zu beziehen und Verantwortung zu übernehmen. Mama wird sich freuen.

Julia

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