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Die Rolle von Religion und Glauben - in einer Mormonenfamilie

Jule, ein Jahr High School in Utah

Mein Jahr High School in Utah, USA

Ich wurde vergangenes Jahr von meiner Austauschorganisation KulturLife nach Utah in eine Familie vermittelt, die der Kirche der Latter Day Saints angehört, auch bekannt als Mormonen. Als ich die Nachricht bekam war ich zunächst auch eher skeptisch, da mir erzählt wurde, dass die Ideologie dieser Kirche sich darauf beziehen würde, ein möglichst einfaches Leben zu führen mit dem Verzicht auf sämtlicheneuzeitigen Technologien, wie zum Beispiel Internet, Autos, etc. Doch ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Vorurteile absolut nicht zutreffend sind und allein auf reine Unwissenheit über diese  Glaubensgemeinschaft zurückzuführen ist.

Ich kam in die Stadt Providence, die ungefähr zwei Stunden nördlich von Salt Lake City gelegen ist, der Hauptstadt des Bundesstaates Utah. Meine Gastfamilie hat sechs Kinder, was keineswegs untypisch in dieser Region ist.Ihr Glaube spielt einen wichtigen und zentralen Punkt in ihrem Leben, was bedeutet, dass der wöchentliche Kirchenbesuch, sowie das tägliche Gebet als selbstverständlich angesehen werden. Mir wurde von Anfang an freigestellt, ob ich bei diesen kirchlichen Ritualen teilnehmen möchte. Um ihnen zu signalisieren, dass ich ihren Glauben respektiere und offen bin neue Erfahrungen zu machen, hatte ich entschieden mich ihren Ritualen anzuschließen. Über dieses Interesse meinerseits haben sie sich sehr gefreut und sie haben mich mit viel Begeisterung und Geduld über ihre Glaubensprinzipen unterrichtet.

Ich bin sehr gerne in die Kirche gegangen, da ich zuvor selten das Gefühl hatte als Fremde so willkommen zu sein und mir jedes Mitglied dieser Gemeinde mit so viel Herzlichkeit, Liebe und Interesse begegnet ist. Es war eine schöne Erfahrung zu sehen mit wie viel Respekt und Liebe die Menschen einander behandeln. Auch wenn sich ein Kirchenbesuch von drei Stunden zunächst sehr lang anhört, ist es so organisiert, dass man sich in jeder Stunde in verschieden Gruppen zusammenfindet was es so recht abwechslungsreich und kurzweilig macht. Und auch die Gesprächsthemen sind nicht immer nur auf die Bibel bezogen, sondern auch auf allgemeine Werte. So habe ich zum Beispiel gelernt, auch Kleinigkeiten im Alltag mit viel mehr Dankbarkeit und Wertschätzung anzuerkennen.

Im Allgemeinen muss man sagen, dass sich der Alltag eines Mormonen nicht wesentlich von unserem unterscheidet. Sie besuchen die ganz normalen High Schools und Colleges, machen Sport oder sind musikalisch aktiv, sie schauen Fernsehen und verbringen Zeit am Computer. Jedoch gibt es aufgrund ihrer religiösen Standards gewisse Einschränkungen in ihrem Leben. Dazu gehört zum Beispiel der Verzicht auf jeglichen Alkohol und Tabak, sowie Kaffee- und Teekonsum, wie auch die Zurückhaltung von sexuellen Beziehungen vor der Ehe. Die Kleidervorschrift entspricht in etwa der einer öffentlichen High School, was bedeutet, dass Hosen mindestens eine handbreite oberhalb des Knies enden und keine zu tief ausgeschnitten Tops getragen werden sollten. Auch legen die meisten Familien Wert darauf, weniger provokante Filme und Musik zu wählen.

In vielerlei Ansichten vertreten sie eine sehr konservative Einstellung, wodurch ihr liberales Denken meiner Meinung nach eingeschränkt wird und teilweise auf Unverständnis bei mir traf. In meiner Familie war es außerdem üblich, dass wir jeden Morgen zusammen ein paar Zeilen in der Bibel gelesen haben und dass vor jeder Mahlzeit ein Gebet gesprochen wurde. Allgemein hatte ich das Gefühl, dass das gemeinsame Familienleben mehr zelebriert wurde, als in einer gewöhnlich deutschen Familie.

Auch wenn ich nicht allen Glaubensvorschriften zustimme, und mir nicht vorstellen könnte mein Leben lang ein solches Leben zu führen, bin ich sehr dankbar die Möglichkeit gehabt zu haben, für zehn Monate ein Teil dieser Gemeinschaft zu sein und für alle Erfahrungen, die ich während dieser Zeit gesammelt habe. Deshalb sehe ich meinen USA Aufenthalt als eine sehr gelungene Zeit im Erleben einer anderen Kultur.

Jule


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