MENÜ

Riesige Autos, Einkaufszentren, Schulen, Kühlschränke ... Riesige Erfahrungen!

Nordlichtstipendiatin Lisa, Schuljahr in Oklahoma

August

22. August, das sollte also das Datum sein, an dem mein großes Abenteuer beginnt. Der Abschied von meiner Familie und Freunden war teilweise sehr tränenreich, aber auch von Erwartung erfüllt. Als es dann in Frankfurt an der Passkontrolle ernst wurde, bekam ich ziemlich wackelige Knie und habe nochmal ein paar Tränen verdrückt. Zehn Monate ohne meine Familie und Freunde, zehn Monate gefüllt mit neuen Bekanntschaften und Erfahrungen. Während das Flugzeug beschleunigte, konnte ich nur noch daran denken und genauso wie das Flugzeug in den Himmel stieg, stieg auch mein Adrenalinspiegel. Der Flug war nach zwei Stunden nur noch die reinste Qual. Als ich dann mit sieben Stunden Verspätung, einem gecancelten Flug und angsteinflößenden technischen Problemen endlich in Tulsa angekommen bin, bin ich totmüde, aber glücklich meiner neuen Gastfamilie in die Arme gefallen, die mich sehr herzlich mit einem riesigen Poster empfangen hat.

Nach 20 Minuten Autofahrt auf dem riesigen ausgestorbenen Highway sind wir auch schon an dem wunderschönen Haus in einem Vorort Tulsas angekommen. Das ist zum Glück mit funktionierender Klimaanlage ausgestattet, denn die täglichen 35°C Außentemperatur sind nach dem einsetzenden Herbst in Deutschland etwas gewöhnungsbedürftig. Das Viertel sieht in etwa so aus wie bei ‚Desperate Housewives‘: riesige Häuser mit gepflegten grünen Vorgärten, jeder kennt jeden. Wenn man Post von der Dorfgemeinde in den Briefkasten wirft und nicht mit Cookies an die Tür bringt, gilt man als unhöflich. So riesig ist auch unser Haus, mit sieben Fernsehern (einer davon im hauseigenen Minikino), sechs Bädern und Billard-Tisch. Schon völlig mit ersten Eindrücken und einem ersten Cheeseburger bei McDonalds vollgestopft, bin ich glücklich und zufrieden in meinem neuen Zuhause eingeschlafen.

Gleich am Tag darauf habe ich eine Großteil der wirklich riesigen Verwandschaft auf der Geburtagsfeier des Kükens der Familie kennengelernt, die zugegebenermaßen wirklich ‚adorable‘ ist. Nebenbei bemerkt hat sie- die einjährige Nichte meiner Hostmum- in der halben Stunde Geschenkeauspacken mehr Kleidungsstücke bekommen als in meinen 23kg- Koffer gepasst haben. Alle Anwesenden haben der berühmten amerikanischen Gastfreundschaft wirklich alle Ehre gemacht, mich den ganzen Tag nach Deutschland ausgefragt und mit Kuchen vollgestopft, über dem ich wegen meines Jetlags leider halb eingeschlafen bin. Abends gings dann noch zu Eskimo Joe’s, wo ich den besten Burger meines Lebens gegessen habe.

Meine Schule hat bereits letzte Woche angefangen, und ich musste nochmal geimpft werden, da der Staat Oklahoma noch eine Impfung gegen Hepatitis A verlangt. Als das erledigt war, mussten wir  zum Verwaltungscenter meiner Schule fahren, das meine Schule und die anderen neun Schul- und Bildungszentren der Viertels koordiniert. Da bekam ich einen Termin für den folgenden Tag, um dann an meiner Schule meinen Stundenplan zu erstellen. Dieses Ereignis kann man mit zwei Worten beschreiben: völlig überfordernd. Zumindest an meiner riesigen Schule mit ihren insgesamt 5000 Schülern. Für diese stehen- in einem 50 Seiten starken Heft aufgelistet- unzählige Kurse zur Wahl - aber leider nur sechs Schulstunden. Neben meinen Pflichtfächern Mathe, Englisch und U.S.-History habe ich nun jeden Tag Drama (Theater), Videomaking und Astronomie im Schulplanetarium.

Vor meinem ersten Schultag war ich unglaublich aufgeregt, aber bereits am ersten Tag habe ich sehr viele, sehr nette und interessierte Leute kennen gelernt. Auch meine Lehrer sind alle sehr nett und nachsichtig gewesen, wenn ich im Unterricht teilweise nur Bahnhof verstanden habe oder ich mich auf dem Schulcampus in den acht Minuten Zeit zum Wechseln des Klassenzimmers mal wieder verlaufen hatte. Zwar hatte ich bis jetzt nur zwei Tage Schule, da diesen Freitag die Schule wegen Lehrerseminaren ausgefallen ist, aber bis jetzt fühle ich mich richtig wohl in der typisch amerikanischen High-School.

An diesem Wochenende hatte dann der Großvater der Familie Geburtstag, was mit Football und Barbeque gefeiert wurde. Zwar bin ich noch nicht ganz hinter die Footballregeln gekommen, habe aber mein Riesensteak genossen, noch schön rosa, wie es die Amerikaner eben mögen. In der Kirche war ich heute erst, der Gottesdienst lässt sich als Mischung aus TV-Liveshow und Rockkonzert beschreiben. Empfangen wurde man ersteinmal in einer riesigen Halle mit Snacks und Getränken und lauter Livemusik. Dann hat ein Pastor Geschichten aus seinem Leben erzählt und sie mit dem Thema des Tages verbunden. Den Gottesdienst und das folgende Frühstück bei den Großeltern der Familie mit reichlich Bacon habe ich sehr genossen.

Zusammenfassend lässt sich die vergangene Woche mit dem wahrscheinlich häufigsten Wort auf der vergangenen Seite beschreiben: riesig. Riesige Autos, Einkaufszentren, Schulen, Häuser, Fernseher, Kühlschränke, Milchkanister... so könnte ich eine ganze Weile fortfahren. Das wichtigste aber ist, denke ich, riesig viele neue Erlebnisse und ich freue mich auf alle kommenden riesigen Erfahrungen.


September

Als das Datum auf meinem Handy auf einmal 22.09. angezeigt hat, bin ich aus allen Wolken gefallen. Das konnte nie ein Monat gewesen sein! Man dürfte meinen, zur Schule gehen sollte nicht so interessant sein, wenn man aber tagein tagaus Neues lernt, vergeht die Zeit wie im Flug.

Inzwischen ist in meinem Alltag auch schon Routine eingekehrt, manche Schulfächer habe ich lieben gelernt, manche aber auch nicht. Die meisten Fächer haben sich als ziemlich einfach erwiesen, wie Mathe, das für mich nur aus Wiederholung besteht. Was mir Probleme bereitet ist US-History: zu viele Fremdwörter, Namen und Ereignisse, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Allgemein trotzdem echt interessant. Aber ich sage mir immer, das kommt mit der Zeit, und das merke ich jetzt auch schon. Etwas, das wahrscheinlich jeder Austauschschüler lernt, Geduld haben ist alles. Nicht alles kann auf Anhieb klappen, man sollte nicht gar nichts machen, aber etwas zu erzwingen ist auch keine Lösung.

Aber es zahlt sich aus: Jetzt kann ich sagen, dass Bekanntschaften langsam zu Freundschaften werden, diese Freundschaften neue Bekanntschaften bereithalten und immer so weiter. Diesen Prozess zu beobachten macht wirklich Spaß nach einer bestimmten Zeit, wenn jeder Tag zu etwas führen kann, was man beim Aufstehen nicht gedacht hätte.

Mein Plan war eigentlich hier einen Sport anzufangen, aber da meine Schule riesig ist, sind die Sportarten unglaublich auf Leistung gedrillt, für jemanden,der nur aus Spaß in Deutschland einen Sport gemacht hat, der hat an einer solchen Schule keine Chance. Aber solche Schulen haben im Gegenzug viele andere Möglichkeiten, zum Beispiel unglaublich viele Clubs, in die man gehen kann. Das ist, was ich gemacht habe. Vielleicht habe ich es mit meinen sechs Clubs auch etwas übertrieben. FCCLA, DECA, French Club, Drug Free Youth, Drama Club und Trojan Link haben sich bis jetzt aber als super Gelegenheit erwiesen, Leute kennenzulernen und gleichzeitig etwas für die Gemeinschaft zu tun.

Inzwischen habe ich meinen Staat Oklahoma auch schon das erste Mal verlassen. Es ging nach Arkansas (was aber Arkansa ausgesprochen wird- wieso auch immer), um meinen älteren Gastbruder am Family Weekend seines Colleges zu besuchen. Dazu gehört ein BBQ gemeinsam mit allen Familien, das Footballspiel der Collegemannschaft und jede Menge Countrymusik. Was mich besonders beeindruckt hat, war das Footballspiel (Funfact: Collegefootball ist hier fast wichtiger als die NFL). Zur Eintrittskarte hat für jeden ein T-Shirt gehört und überall gab es Shops, die Fanartikel verkauft haben, in denen man wirklich Millionen ausgeben könnte, und die ganze Stadt bestand aus Bannern der Mannschaft. Dann die Marchingband: Sie hat jeden aus dem Hocker gehauen. Als Ehrung des Militärs haben sie Formationen in den verschiedensten Formen gemacht. Von einem Flugzeug, zu einem U-Boot, danach ein Panzer und dann noch einen Helikopter mit rotierenden Blättern.  Und gewonnen haben die ‚Razorbacks‘ auch noch haushoch.

Mit meiner Familie verstehe ich mich im Grunde genommen auch gut, nur teilweise fühlt man sich nicht ganz zugehörig. Das ist, denke ich mal, ganz normal, schließlich ist man irgendwo ja kein richtiges Familienmitglied. Ich muss mich an sie gewöhnen und sie sich an mich. Hier kommt wieder die Geduld ins Spiel und ich merke auch schon wie es besser wird. Derselben Meinung ist auch meine Gastfamilie, deswegen haben wir auch schon ausgemacht, dass diese Famile von einer Welcome Family zur Permanent Family wird. Soll heißen: Ich bleibe bei ihnen das ganze Jahr!

Jetzt freue ich mich auf die nächste Woche, denn Homecoming steht an! Motto-Tage, Paraden, Footballspiel und natürlich der berühmte Dance. Let’s get this started!


Bildergalerie