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Ein halbes Jahr in Australien

Sophie, 6 Monate Schüleraustausch in Sydney

Sophie, 6 Monate Schüleraustausch in der South Sydney High School, Sydney

Einen Bericht über meinen Auslandsaufenthalt zu schreiben fällt mir nicht leicht. Wie soll ich ein ganzes halbes Jahr in ein paar Textzeilen zusammenfassen? Als ich zuerst den Gedanken hatte ins Ausland zu gehen, kam mir alles sehr weit entfernt und unwirklich vor. Sogar am Abreisetag selbst kam mir  alles sehr surreal vor, ich konnte es kaum fassen, dass ich schon in ein paar Stunden in einem komplett anderem Land, weit weg von Familie, Freunden und allem Gewohntem, sein würde und dort tatsächlich für ein halbes Jahr lang leben würde.

 Als ich in Sydney ankam war es abends und meine Gastmutter Nora war aufgeblieben, um mir mein Zimmer zu zeigen. Zuerst fand ich es sehr klein, doch mit der Zeit lebte ich mich gut ein und mochte es doch sehr, da ich ein bisschen das Meer sehen konnte und es durch viele Fenster immer sonnig, fröhlich und einladend wirkte. Am ersten richtigen Tag habe ich das erste Mal mit meiner Gastfamilie gefrühstückt und alle waren sehr neugierig über mein Leben in Deutschland und alles was bis vor ein paar Tagen zu meinem Alltag gehört hatte. Ich hatte sehr viel Glück mit meiner Gastfamilie, die mir immer in Notsituationen geholfen hat, mir gegenüber immer sehr offen und schließlich am Ende wie eine zweite Familie für mich war. Abgesehen von meinen Gasteltern, Nora und Lawrence, und zwei Gastgeschwistern, Emily und Brandon, waren noch drei andere Internationals im Haus. Genevieve, eine Studentin aus Frankreich, Amelle aus Mayotte (eine Insel in der Nähe von Madagaskar) und Ivy aus China.

In den ersten Tagen fühlte ich mich noch etwas fremd, was auch daran lag, dass ich außer meiner Gastfamilie noch niemanden kannte. Am Morgen des ersten Schultages war ich aufgeregt, aber dennoch sehr gespannt. Zuerst mussten alle neuen Schüler die obligatorische Schuluniform kaufen und ich muss zugeben, dass mir diese zunächst gar nicht gefiel. Die Röcke und Blusen waren nicht sehr komfortabel und natürlich war es sehr ungewohnt einer von hunderten identisch aussehenden Schülern zu sein. Danach durften alle Internationals ihre Fächer für das nächste halbe Jahr wählen. Es war ein bisschen enttäuschend, da die Schule, die South Sydney High School in Maroubra, nur noch wenige Fächer zur Auswahl hatte. Anscheinend wurde nicht viel Wert darauf gelegt den Austauschschülern eine große Auswahl an Fächern anzubieten, denn die meisten Fächer waren schon voll belegt. Obwohl ich bereits vor meiner Abreise Spanisch als Wunschfach angegeben hatte, gab es vorerst keine Möglichkeit das Fach zu belegen und ich musste stattdessen eine Alternative wählen. Auch bei meinen anderen beiden Wahlfächern musste ich mit ungewünschten Fächern vorlieb nehmen, denn es gab als Auswahl nur noch Computing, Visual Arts, Food Tech und Arbeiten mit Holz. Schließlich entschied ich mich für Visual Arts, Food Tech und Computing und war, wie viel andere Schüler auch, sehr unzufrieden mit der Auswahl meiner Fächer und der chaotischen Organisation an der Schule.

Obwohl ich in den ersten Tagen etwas unzufrieden mit meiner Schule und allgemein etwas vom Kulturschock überwältigt war, kam ich dennoch gut mit den Lehrern und Schülern zurecht und schon bald ergab sich auch die Möglichkeit in einen Spanischkurs im höheren Jahrgang Year 11 zu wechseln. Und damit komme ich zu einem sehr wichtigen, nächsten Punkt: Das Schulniveau in Australien. Das erste was jeder Austauschschüler im Ausland lernt ist, dass Schule nicht gleich Schule ist. Ich war daran gewöhnt mich unaufgefordert am Unterricht zu beteiligen, nach der Schule oft nicht weniger als eine Stunde Hausaufgaben zu machen und mich auf Arbeiten gewissenhaft vorzubereiten. In Australien schien dies, zumindest in meinen Augen, keiner zu tun. Im Unterricht war es normal das Handy zu benutzen, auf die Ermahnungen der Lehrer hörte schon lange keiner mehr und das Niveau des Unterrichts war häufig sehr niedrig verglichen zu Deutschland. Als sich meine vorläufige Verwunderung gelegt hatte, wurde auch ich vom Alltagsfluss des australischen Schullebens mitgezogen und bald war es normal für mich in meinen Kursen, aufgrund meines Vorwissens aus Deutschland, zu den besseren Schülern zu gehören und ohne Anstrengung gute Noten zu bekommen. Hausaufgeben hatte ich bis auf wenige „Assessments“ kaum. „Exams“ wurden nur am Ende des Jahres in der großen „Hall“ geschrieben und mein Handy gehörte inzwischen genauso zu meinen Schulutensilien wie mein Notebook und der Stift. Dennoch habe ich auch einige Dinge gelernt. Der Unterricht war jedoch im Großen und Ganzen deutlich entspannter und lockerer.

Bevor ich zu Freunden und Aktivitäten nach der Schule komme, möchte ich zunächst etwas über den Sportunterricht in Australien erklären. Die „Aussies“ sind schlichtweg „obsessed“ mit Sport. Zusätzlich zum normalen Sportunterricht, genannt „P.E“, mit Mannschaftssportarten wie Hockey und „OZ-Tag“, durften wir uns eine weitere Sportart aussuchen, welche wir jeden Mittwoch in der fünften und sechsten Stunde hatten. Ich als Sportmuffel war zuerst entsetzt von der Nachricht, mich dreimal in der Woche im Sportunterricht quälen zu müssen und weiterhin noch zwei zusätzliche Stunden pro Woche Sport ertragen zu müsste. Ich wählte für den ersten Term „Fitness“ im nahen Fitnessstudio und konnte es nicht fassen, dass mir zum ersten Mal in meinem Leben Sportunterricht wirklich Spaß machte. Jede Woche gingen wir, wohl bemerkt gratis, in das nächstgelegene Fitnessstudio und wechselten jede Woche zwischen Gruppensport „Zumba“ und „Cycling“. Im zweiten Term durften wir eine andere Sportart wählen und ich entschied mich, zu meiner Überraschung, für Surfen.

Etwas tun, was man sich zu Hause vielleicht nicht getraut hätte. Genau das war auch ein Grund für mich ins Ausland zu gehen. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen Surfen zu lernen und dennoch entschied ich mich dafür. Mein Motto: Spontan handeln, etwas Neues ausprobieren, vielleicht sogar eine neue Lieblingssportart kennenlernen. Und tatsächlich entwickelte sich surfen zu einer meiner neuen Lieblingssportarten. Das erste Mal auf dem Surfboard war ich doch sehr nervös und es war anfangs schwierig sich überhaupt auf dem Board zu halten. Jeder der mit dem Gedanken spielt es einmal auszuprobieren muss damit rechnen in den ersten Stunden Schwierigkeiten zu haben. Die ersten beiden Stunden waren schlichtweg frustrierend. Doch bald fiel es mir immer leichter und obwohl ich, zehn Stunden reichen letztendlich nun einfach nicht aus, immer noch als blutiger Anfänger auf meinem Board hin und her wackelte, fühlte ich mich am Ende des Kurses als waschechter „Aussie“ und konnte es kaum erwarten meinen Freunden und Verwandten von meinen Surf-Erlebnissen zu berichten.

Nun will ich zu dem Thema Freunden kommen. Obwohl es anfangs schwierig war Gespräche mit fremden Leuten anzufangen – vor allem in einer fremden Sprache – und ich mich meist sehr schüchtern verhielt, begann ich schließlich aufzutauen und mich anderen mehr zu öffnen. Die Leute in meiner Schule waren ohne Ausnahme sehr zuvorkommend, freundlich und höflich. Schnell hatte ich mehrere neue Tischnachbarn und vor allem eine neue sehr gute Freundin gefunden. Dennoch muss gesagt werden, dass es in Australien nun einmal üblich ist, Internationals an seiner Schule zu haben. Dies bedeutete, dass zwar alle Leute sehr nett waren, man selber aber den ersten Schritt gehen musste, welches mir oft nicht sehr leicht fiel. Hatte man aber diese Barriere überwunden, öffneten sich auch die Aussies, Gespräche entwickelten sich bald von alleine und mein Englisch wurde besser und besser. Wem es dennoch schwer fiel sich mit anderen Leuten anzufreunden, konnte viel mit den anderen Internationals unternehmen, welche es an fast jeder australischen Schule wie Sand am Meer gibt. Daher hatte ich mich auch mit Leuten aus allen Herren Ländern angefreundet, wie z.B. Italien, Norwegen, China, Frankreich und auch aus Deutschland selber. Zumeist kommen auch die Leute aus Australien selber aus vielen unterschiedlichen Ländern, denn Australien ist ein sehr internationales Land.

Mein Alltag nach der Schule sah folgendermaßen aus: Entweder ging ich mit Freunden an den Strand, in die Innenstadt oder ins nahe gelegene Shoppingcenter „Eastgardens“. Die Busverbindungen in Sydney sind klasse: Ich konnte immer zwischen mehreren Linien wählen, welche alle in kurzen Zeitabschnitten fuhren. Daher war es für mich ein leichtes viel von Sydney zu entdecken und zu erleben. Von Beach Walks, Vintage-Shopping in Newtown, Christmas Carols am Strand, Feuerwerk, Dinner mit Freunden und natürlich klassisches Sightseeing habe ich in einem halben Jahr nichts ausgelassen und werde mich noch lange an diese Erlebnisse erinnern.

Besonders schön ist mir das gemeinsame Campen mit meiner Gastfamilie in Erinnerung geblieben. In den Herbstferien fuhren wir gemeinsam mit zwei anderen Familien zum Campen in einen National Park und es hätte sicherlich keine bessere Möglichkeit für mich gegeben Australiens „Wild Life“ so hautnah erleben zu können. Morgens wurde ich von Kookaburras geweckt und Wallabys und Kängurus liefen frei herum. Weiterhin hatten wir den eigenen Strand buchstäblich vor der Haustür und ich fühlte mich wirklich wie ein Familienmitglied. Schlangen oder Spinnen habe ich keine einzige gesehen.

Meine Zeit in Australien verging wie im Flug und ich kann es immer noch nicht fassen, dass nun schon ein ganzes Jahr vergangen sein soll, seitdem ich mich in ein Flugzeug setzte, um mich nach Australien auf zu machen. In den letzten Tagen vor meiner Abreise versuchte ich noch so viel wie möglich zu erleben und mit zu nehmen. Ich denke dies ist mir geglückt.

Zuletzt möchte ich einen großen Dank an alle KulturLife Mitarbeiter aussprechen, die es mir ermöglicht haben, das beste halbe Jahr meines Lebens zu verbringen. Ich werde meine Zeit in „Down Under“ niemals vergessen: Ich habe dort nicht nur neue Freunde und eine zweite Familie gefunden, ich habe auch Erinnerungen gemacht, welche ich sicherlich noch lange in meinem Herzen tragen werde. Und wer weiß, vielleicht werde ich auch einmal, oder vielleicht auch ganz sicherlich, zurückkehren.

Sophie


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